Sturmtöpfe

Gideons Kämpfer schleudern Sturmtöpfe auf die Midianiter, aus Chronique of Baudouin d'Avennes, 1473/1480, British Library, Royal 18 E V, fol. 54vSturmgefäße waren einfache bauchige Keramikkrüge, oft gewöhnliche Gebrauchskeramik, mit halbweiter Öffnung und ausgeprägter Kehle unterhalb des Randes. Diese waren je nach Einsatzzweck mit Explosivstoffen, Brandbeschleunigern oder mit ungelöschtem Kalk und Fußangeln gefüllt. Die Gefäßöffnung wurde mit einem Stück Stoff und einem Band um den Gefäßhals verschlossen. Im Erstfall konnten sie per Hand, mit Seilen oder mechanischen Schleudern auf den Gegner geworfen werden.1) Diese Waffenart kann durch entsprechende Füllungen für unterschiedlichste Zwecke eingesetzt werden und die Autoren der historischen Kriegsbücher liefern hier eine große Fülle an Rezept- und Anwendungsvorschlägen. Hier eine kleine Auswahl:

 

Brandtöpfe

Brandladungen gehören zu den ältesten und einfachsten Formen der Sturmtöpfe. Diese waren mit leicht brennbaren Stoffen wie Pech, Terpentin, Weingeist, Schwefel, Salpeter oder Naphtha gefüllt. Erste schriftliche Hinweise über deren Verwendung stammen aus dem 8./7. Jahrhundert vor Chr. aus Mesopotamien. Um 1280 werden sie von dem arabischen Autor Hassan Al-Rammah in seinem Kriegsbuch beschrieben. In Europa werden sie unter anderem um 1260 von Marcus Graecus und um 1405 von Konrad Kyeser erwähnt. Praktische Anwendung fanden Sie beispielsweise bei der Belagerung Akkons durch die Kreuzfahrer im Jahre 1190 oder bei der Belagerung Brzungs durch den Deutschen Orden in den Jahren 1331/32.2) Für Brandladungen sind aus der historischen Literatur verschiedenste Rezepte und Anweisungen überliefert, nachfolgend einige Beispiele:

  • Franz Helm: Buch von probierten Künsten, 1535 UB Heidelberg Cod Pal germ 128 fol 100rDie Gefäßfüllung für ein mögliches Klebefeuer besteht in den unteren zwei Dritteln aus einer Paste aus Schwarzpulver, Schwefel, Pech und Harz und im oberen Drittel aus Schwarzpulver. Die Öffnung des Gefäßes wird mit einem geteerten oder gepichten Leinentuch verschlossen. An den Henkeln werden Luntenschnüre angehängt. Im Ernstfall wird das Verschlusstuch aufgerissen, die Luntenschnüre angezündet und das Gefäß auf den Gegner geschleudert. Dort zerbricht es und der austretende klebrige Inhalt wird durch die glimmenden Luntenschnüre entzündet.3)
  • Die Gefäßfüllung besteht zur Hälfte aus einer trockenen Mischung aus Schwarzpulver, Kolophonium und Schwefel, die obere Hälfte wird mit Schweineschmalz gefüllt. Vor dem Wurf wird ein Loch durch die Schmalzschicht in die Pulverladung gestochen, eine Zündschnur hineingesteckt und gezündet. Wenn die Zündschnur gut brennt wird das Gefäß auf den Gegner geschleudert.4) Das Schwarzpulver explodiert, dabei wird das Schweinefett in einem weiten Umkreis fein verteilt und entzündet sich.
  • In einem Kessel wird eine Mischung aus Schweinefett, Petroleum, Schwefelöl, Schwefel, Salpeter, Kolophonium, Terpentin und etwas Schwarzpulver angerührt und in das Sturmgefäß gefüllt. Darauf kommt eine Schicht Schwarzpulver. Das Gefäß muss danach einige Zeit ruhig stehen.4)

 

Sprengtöpfe

Feuerwerks- und Büchsenmeisterbuch Rezeptsammlung - BSB Cgm 734 S. 146 Bayern 3 Viertel 15 Jh Sprengladungen wurden mit der Erfindung des Schwarzpulvers möglich. Die Hauptwirkung der Sprengtöpfe bestand in der explosionsartigen Verbreitung des verbrennenden Inhalts. Im Gegensatz zu Granaten stand bei ihnen jedoch die Splitterwirkung der Gefäßtöpfe noch im Hintergrund. Nachfolgend möchten wir stellvertretend zwei verschiedene Rezepte aus der historischen Literatur kurz vorstellen:

  • Der Keramiktopf wird bis knapp unterhalb der Öffnung mit Schwarzpulver gefüllt und die Öffnung mit Mehlleim verschlossen. An den Henkeln werden Luntenschnüre angebunden. Im Ernstfall werden die Luntenschnüre gezündet und das Gefäß geworfen.5) Nach dem Aufschlag wird das aus dem zerbrochenen Gefäß austretende Pulver durch die glimmenden Luntenschnüre entzündet und verbrennt schlagartig mit einer großen Stichflamme.
  • Ein starkwandiger Keramiktopf wird bis zum Hals mit einer Mischung aus Pulver, Schwefel, Salpeter, Glasscherben und Bleipulver gefüllt, darüber kommt eine Schicht Schwarzpulver. Anschießend wird die Füllung hart verdichtet und die Öffnung mit gepichtem Tuch verschlossen.3) Vor dem Einsatz wird das Tuch durchstoßen und eine Lunte in die Füllung gesteckt. Nach dem Zünden der Lunte wird das Gefäß auf den Gegner geschleudert, wo es explodiert.

 

Blendladungen

Sturmtöpfe mit Kalk- und Fußangelfüllung der Veste Coburg, ca. 17. Jh.Sturmtöpfe mit Blendladungen dienen dazu, Gegner durch Blenden zu behindern oder außer Gefecht zu setzen. Erhaltene Originale aus dem ehemaligen Zürcher Ketzerturm6) und dem Zürcher Lindenhof-Quartier7), jetzt im Schweizerischen Landesmuseum Zürich, oder Exemplare in den Kunstsammlungen der Veste Coburg enthalten Füllungen aus ungelöschtem Kalk und Fußangeln. Oder sie sind mit Spanischem Pfeffer als Blendmittel gefüllt wie einige erhaltene Sturmtöpfe aus dem niederländischen Vlissingen.8) Im Gefecht werden die Gefäße auf die Belagerer geschleudert, sie zerbrechen und der austretende Kalk verätzt den Gegnern Augen, Atemwege und Haut. Zudem treten sich die geblendeten Kämpfer auch noch die Fußangeln in die Füße.1)
Während der Belagerung Zürichs durch die Eidgenossen setzten die Stadtverteidiger am 25. Juli 1444 erfolgreich Blendtöpfe ein, wie der Chronist Gerold Edlibach eindrücklich beschrieb: „… da hattend sy vil Häfen und Krüg gemacht von Herd [Erde] und die gefüllt mit Kalch und wurfend die unter die Eidgnossen, dass es ein sömliches [grosses] Gestäub ward, dass die Eidgnossen schier erstickt warend und pfuchseten wie pfiffige Hüner [wie piepsige Hühner husteten] zu dem und einer den andern von grossem Staub nit wol sehen mocht und also tribend die Züricher die Eidgnossen mit Geschütz und anderer Gewehr von der Statt.”6)
Einige Jahre jünger ist eine Erwähnung im Reisetagebuch des Philosopen und Mediziners Hieronymus von Nürnberg aus dem Jahre 1498, wonach die von Don Alfonso V. (gen. "der Afrikaner") gehaltene Stadt Ceuta auf Anordnung Ritter Georg von Ramseidenrs mit Sturmtöpfen gegen die Sarazenen verteidigt wurde: „Ramseidner Georgius autem suo ingenio amphoras ex limo semiusto faciens et eas calce pulverizata et ferreis triangulis quos Fusseisen vocant implens foras muros in mediam Saracenorum turrem jeeit. Excæcati autem aut vulnerati Saraceni magna damna sustulerunt.” Dieser ließ halb gebrannte tönerne Töpfe mit Kalkstaub und Fussangeln füllen und in den Belagerungsturm der Sarazenen werfen, welche den Belagerern so übel mitspielten, dass sie wegen Erblindung und Verwundung die Belagerung aufgaben und sich zurückziehen mussten.6)9)

 

Granatfüllung

Hier enspricht die Füllung den Rezepten für Sprengtöpfe mit zusätzlich eingebetteten Granaten. Die Granaten werden von der explodierenden Topffüllung gezündet und weggeschleudert, die ihrerseits im weiteren Umkreis des Aufschlagpunktes explodieren.1)

 

Stinkpötte

Die Gefäßfüllungen von Stinktöpfen bestehen aus einer Mischung von Schwarzpulver, Salpeter, Holzkohle, feinem Pech, Spießglanz (Antimon), Schwefel, sowie Pferdehuf- und Ziegenhornspänen, Schweineborsten, Teufelsdreck (Asa fœtida), Wanzenkraut (Trauben-SilberkerzeActaea racemosa) oder weiteren Stoffen.9) Die Stinkpötte wurden gezündet und auf den Gegner geworfen, wo der Inhalt durchzündete und unter starker Rauch- und Geruchsentwicklung aggressiv abbrannte. Der unangenehme Gestank des verbrennenden Asa fœtida verunsicherte gegnerische Kämpfer. Insbesondere das verbrennende Horn wirkte stark beunruhigend auf Pferde und löste in ihnen tief verwurzelte Fluchtreize aus:1) Die in Panik durchgehenden Pferde trugen weiter zur Verwirrung des Gegners bei und konnten erhebliche Schäden verursachen. 

 

Gifttöpfe

Neben den vorgenannten Füllungen nennen einige Autoren in ihren Werken Gifttöpfe, deren Brandmischungen Arsen, Quecksilber oder andere giftige Stoffe beigemischt wurden.8) Einige Autoren empfehlen in ihren Rezepten die Beimischung weiterer Stoffe, die nach der zeitgenössischen alchimistischen Lehre für Mensch und Tier als schädlich oder giftig galten. Die meisten dieser Stoffe haben jedoch nach aktueller wissenschaftlicher Einschätzung keine besonders akute Wirksamkeit.11)

 

Rekonstruktionen

Blendtöpfe

Rekonstruktion eines SturmtopfesUnsere Rekonstruktionsvorschläge orientieren sich an den Originalen aus den Sammlungen der Veste Coburg und dem Schweizerischen Nationalmuseum Zürich12). Sie bestehen aus brauner und grauer, hart gebrannter Irdenware. Der zu Präsentationszwecken offen belassene Blendtopf enthält eine Ladung aus fein gemalenem Ätzkalk und eisernen Fußangeln. Die Höhe des Topfes beträgt 180 mm, der Durchmesser 170 mm, bei einem Gewicht von 4.300 g. Ein weiterer Sturmtopf wurde mit einem Stück Leinwand verschlossen, das um den Gefäßhals verschnürt und verknotet wurde. Rekonstruktion eines Blendtopfes, gefüllt mit Ätzkalk und FußangelnAnschließend wurden das Verschlußtuch und die Wicklung mit Leinöl abgedichtet. Dieser Topf kann als Beispiel für verschiedene Möglichkeiten, wie als Blendtopf, Brandtopf, Sprengtopf oder Stinktopf stehen. Die Höhe dieses Topfes beträgt 165 mm, der Durchmesser 155 mm und sein Gewicht etwa 3.100 g.

 

 

 

Feuertöpfe (Sturmhäferl)

Rekonstruktion dreier Feuertöpfe aus der ehemaligen Festung Weitschawar (Bajcsa-Vár)Die Rekonstruktion der Feuertöpfe entspricht den Funden aus der 1609 aufgegebenen steirischen Festung Weitschawar bei Bajcsa-Vár nahe der ungarischen Stadt Nagykanizsa (Großkirchen). Die 1578 errichtete Festung wurde mit Waffen und Geräten aus dem Landeszeughaus Graz ausgerüstet. Die Feuertöpfe wurden bei Ausgrabungen in den Jahren 1998 und 1999 entdeckt. Wie Einträge in den Inventaren des Grazer Landeszeughauses ausweisen, wurden diese Feuertöpfe in zahlreichen Lieferungen von jeweils mehreren hundert Stück an die Festung Weitschawar geliefert.13) Die Gefäße hatten einen Bodendurchmesser von 60–65 mm und Höhen von 110–117 mm, das Volumen eines vollständig erhaltenen Gefäßes liegt bei 425 ccm. Diese Keramikgefäße waren Spezialanfertigungen für rein militärische Zwecke, die in den übrigen Keramikformen ihrer Zeit keine Parallelen haben.14) Unsere Gefäße haben Volumina zwischewn 256 und 422 ccm. Einen weiteren Gefäßsatz haben wir nach einer Reihe von Originalen rekonstruieren lassen, die trotz verschiedener Entstehungsorte und Datierungen relativ einheitlich in Form und Größe sind. Hierbei handelt es sich um Funde aus dem Vlissingen (NL)8) welche vom Rijksmuseum Amsterdam in die Zeit zwischen 1550-1700 datiert werden15), den Schiffwracks La Trinidad Valencera der Spanischen Armada von 1588, dem im Jahre 1697 im Hafen von Mombasa gesunkenen portugisischen Kriegsschiffes Santo Antonio de Tanna16) oder aus Corfe Castle in Dorset, das mit dem Englischen Bürgerkrieg 1642-1649 in Verbindung gebracht wird17). Diese Form der Sturmtöpfe ist beispielsweise in Diego Ufanos Tratado dela artilleria y uso della platicado por el capitan Diego Ufano en las guerras de Flandes von 1617 zu finden.18) Diese Gefäße haben Volumina von 282 bis 317 ccm.

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    Rekonstruktionen nach Originalen aus Vlissingen (NL), oder Corfe Castle (UK), nahezu formgleiche Sturmtöpfe sind auch aus dem spanischen Schiffrswrack Antonio de Tanna von 1588 erhalten.

 

Einzelnachweise

  1. Geibig (2012): S. 31-46
  2. Mielke (1982)
  3. Brrantz, Boillot (1603): S. 150
  4. Biringuccio (1540)
  5. Franz Helm (1535)
  6. Keller (1871)
  7. Schnyder (1971), S. 193–194
  8. Bijdrage over de zoogenoemde Vuurpotten, ook wel beken onder den manam van Storm- en Stankpotten. (1857)
  9. Harder (1867), S. 41
  10. Gruber (1697)
  11. Freundliche Mittelung von Dr. Alfred Geibig
  12. Aus dem Zürcher Ketzerturm, 15. Jh., Schweizerisches Nationalmuseum Zürich, Inv. Nr. AG 905
  13. Kramer (2005): S. 55-61
  14. Kramer (2005): S. 87-88, 191
  15. Aardenwerken vuurpot, Rijksmuseum Amsterdam,  Inv. Nr. NG-MC-945-A, -B, -C
  16. Martin (1994)
  17. Mepham (2012)
  18. Ufano (1617): Abb. F.374

Text und Fotos: Andreas Franzkowiak

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