Granaten

Iason wirft eine Handgranate(?) auf König Aietes feuerspeiende Stiere. Roman de Troie, Bologna um 1340-1360, ÖNB Han. Cod. 2571 fol. 12v Handgranaten sind Sprenggeschosse; sie bestehen aus dem Mantel, der Sprengladung und dem Zünder. Je nach der gewünschten Wirkung unterscheidet man in der Hauptsache Splitter-, Brand- und Nebelhandgranaten. Die meist einheitlichen Zünder sind als „m.V.” (mit Verzögerung wirkend) oder „o.V.” (ohne Verzögerung wirkend) ausgebildet.1)

Irdene Gefäße, die als Granaten gedeutet werden, sind vor allem aus dem Orient seit dem 13. Jahrhundert nachgewiesen.2) Originale aus Mitteleuropa, teilweise sogar mit erhaltener Füllung, gibt es aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Historische Feuerwerkbücher, darunter Martin Merz, erwähnen diese Art Granaten aber bereits im 15. Jahrhundert.3) Neben Granaten aus dickwandigem Ton gab es auch solche, deren Körper aus Holz, Metall oder Glas bestanden. Sie waren mit Schwarzpulver gefüllt. Bei der Detonation entfalteten die geborstenen Gefäßteile ihre schädigende Wirkung auf Menschen, Tiere und Gegenstände. Diese Wirkung konnte durch eine Beimengung der Pulverladung mit Schrapnellen wie Eisenteilen, Nägeln oder Flintstücken noch vergrößert werden. Die Granaten wurden an der Lunte gezündet, kleinere Handgranaten konnte von Hand und größere mit Schleudergeräten, wie Hebelöffeln oder Katapulten, auf den Gegner geworfen, wo sie explodierten. Insbesondere keramische Granaten waren mit historischen Mitteln sehr einfach und günstig herstellbar.4) Lediglich Granaten aus Eisen und Glas waren in der Herstellung aufwändiger. Erhaltene Originale keramischer Handgranaten sind beispielsweise aus Ingolstadt, der Burg Pappenheim5), der Burg Forchtenstein in Österreich, der Veste Oberhaus in Passau, der Burg Alt-Ems im Vorarlberg6), oder dem Schweizerischen Basel und Zürich überliefert. Von der württembergischen Landesfestung Hohentwiel sind Handgranaten nicht nur aus schriftlichen Quellen überliefert, dort wurden bei Ausgrabungen Fragmente mehrerer keramnischer Handgranaten gefunden.7)

Tongranaten aus Ingolstadt 17. Jh.Der umfangreichste Fundkomplex mittelalterlicher bzw. frühneuzeitlicher Keramik-Handgranaten stammt aus Ingolstadt, wo 1983 beim Bau einer Tiefgarage in einem ehemaligen Stadtgraben mehere hundert Stücke gefunden wurden. Diiesie Granaten haben Außendurchmesser zwischen 10 und 13 cm, wobei die Pulverkammern meist etwa ein Drittel des Durchmessers ausmachen. Die Gewichte der Stücke reichen bis zu 3,5 kg ohne Pulverfüllung. Die Innendurchmesser der Mundlöcher reichen von 25 bis ca. 45 mm, wobei die meisten relativ sorgfältig gearbeitet und verstrichen wurden, jedoch wurden einige auch nur einfach mit einem Werkzeug in den Granatenkröper gestochen. Die Oberflächen der Granaten sind bei vielen Stücken sehr sorgfältig ausgearbeitet, bei anderen wiederum nur grob zurgerichtet. Die Granatenkörper selbst wurden aus feinem bis grob gemagertem Ton, wohl auf Töpferscheiben, aufgebaut und bei relativ hoher Temperatur glasierend gebrannt. Einige wenige Granaten haben auf der gesamten Oberfläche eine ausgesprochene Steinzeugglasur, die meisten weisen diese nur partiell auf und ein großer Anteil zeigt gar keine. Eine Reihe von Granaten ist mit eingestempelten Marken versehen, die als Töpfer- oder Werkstattmarken gedeutet werden können. Insgesamt lassen die erhaltenen Stücke jedoch keine besondere Standardisierung in Form, Größe oder Qualitätsstandard erkennen, so wurden sogar Fehlbrände verwendet die erheblich deformiert oder beschädigt waren. Selbst innerhalb der einzelnen Töpfermarkengruppen weisen die Stücke eine ungewöhnlich große qualitative Bandbreite auf.8) Granate mit erhaltenem ZünderDie von Markus Schußmann gefundenen Granatenfragmente von der Burg Pappenheim zeigen deutliche Gemeinsamkeiten in Form, Größe und Machart mit den Ingolstädter Stücken auf.5)

Aus Hamburg sind uns keine Funde historischer Handgranaten bekannt, diese sind lediglich schriftlich nachweisbar. So fürt ein Inventar aus dem Jahr 1642 mehrere Hundert „Hand=Granaten” in den Ausrüstungen der Hamburger Zeughäuser, Bollwerke und Festungstürme auf, ohne jedoch genauere technische Informationen darüber zu geben.9)

 



Hölzerne Zündröhren aus Ingolstadt ca. 17. Jh.

Glasgranate aus Ingolstadt ca. 17. Jh.

 

Rekonstruktionen

Tongranaten, eine mit Zünder Unsere Nachbauten orientieren sich an verschiedenen Originalen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, wie den Ingolstädter Handgranaten des Stadtmuseums Ingolstadt10), den Funden aus Alt-Ems, der Burg Pappenheim oder der Festung Hohentwiel. Als Rohmaterial verwendeten wir Ton, je ein Aststück und Lunte. Als Platzhalter für die Sprengstofffüllung greifen wir auf nicht brennbare Asche zurück. Der Granatenkörper wird aus Ton geformt und hart gebrannt. Das Holzstückchen wird so weit konisch zugerichtet, dass es die Öffnung des Granatkörpers dicht abschließt. In den Holzstopfen wird der Länge nach, bis kurz vor dem schmalen Ende, der Zündkanal gebohrt. Am schmalen Ende werden seitlich drei bis vier kleinere Löcher bis in den Zündkanal gebohrt oder geschnitten. In den Zündkanal wird etwas Pulversubstitut eingefüllt und die Lunte eingebracht. Anschließend wird der Stopfen in die Granate so weit eingebracht, dass er die Öffnung der Granate fest verschließt. Bei einigen erhaltenen Originalen wurden an der Zündröhre Reste einer Leinwandumwicklung nachgewiesen, die die Abdichtung der Öffnung verbessert.

  • Rohmaterial
  • Zündröhre
  • Zünder
  • Handgranate
  • Modellvergleich

 

Einzelnachweise

  1. Waffentechnisches Taschenbuch (1977) S.522
  2. Felberbauer (2012) S. 183-184
  3. Mielke (1988)
  4. Geibig (2012) S. 177-226
  5. Schußmann (2014)
  6. Rhomberg (2010)
  7. Jenisch (2011)
  8. Franzkowiak, Wenzel (2016)
  9. Neddermeyer (1832): S. 60-62
  10. Scheuerer, Kurt: Tongranaten aus dem Schlossgraben. Stadtmuseum Ingolstadt (Online)

 

 Text und Fotos: Andreas Franzkowiak

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