Zündungsarten

Büchsenschütze mit Loseisen und Glutpfanne, Sammelhandschrift zur Kriegskunst, ÖNB Wien Cod. MS 3062 fol. 126r, um 1437Frühe Büchsen besaßen noch keine mechanischen Zündeinrichtungen oder Abzüge, weswegen sie frei Hand gezündet werden mussten. Es wird davon ausgegangen, dass die Schützen glühende Kohlestücke oder Holzspäne an die mit Zündkraut gefüllte Pfanne des Zündloches hielten um die Pulverladung der Büchse zu entzünden.1) Dies bedingte, dass der Schütze eine Hand zum Zünden der Büche halbwegs frei haben musste, oder ein zweiter Mann zur Zündung der Büchse benötigt wurde, damit der Schütze diese mit beiden Händen anlegen konnte. Beim Abfeuern entwich ein nicht unerheblicher Teil der glühenden Gase durch das Zündloch, wovor der Schütze seine Finger schützen musste. Dies bewerkstelligten die Schützen durch die Verwendung von Loseisen. Bei dem Loseisen, oder auch Zündhaken oder Zündeisen handelt es sich um einen am vorderen Ende rechtwinkelig gebogenen Eisenstab mit einer oft olivenförmigen Spitze. Diese Spitze wurde in einer Glutpfanne rotglühend aufgeheizt und zum Zünden der Büchse in die mit Zündkraut gefüllte Pfanne gehalten, wo sie das Zündkraut und die Ladung der Büchse entzündete. Damit die Büchse sicher zündet muss die Temperatur der Loseisenspitze deutlich oberhalb der Zündtemperatur des Schwarzpulvers von 170 °C liegen. Um ein ungünstiges Abkühlen der Spitze zu verhindern musste die Glutpfanne in unmittelbar Nähe der Büchse aufgestellt werden.2) Viele erhaltene Büchsen weisen ausgesprochen deutlich und tief ausgearbeitete Pfannen an den Zündlöchern auf. Diese lassen die Vermutung zu, dass sie zur Aufnahme der olivenförmigen Spitzen von Loseisen gedacht waren. Hierbei würde die Pfanne mit Zündkraut gefüllt und die glühende Olive fest in die Pfanne mit dem Zündkraut gedrückt.3)

Zündung einer Handbüchse durch zweiten Mann - Ausschnitt aus der Handschrift ÖNB Wien Cod. 3062 Fol. 147vIn den bekannten Hamburger Schriftquellen finden sich bisher keine Hinweise auf Loseisen, jedoch begegnen sie uns in Dokumenten des Deutschen Ordens, wo die Kämmerei der Burg Elbing 1404 „… vor 3 entczyndeeysen, 2 bende omme dy busse 3½ scot…” ausgab.4) Weitere Male erscheinen sie in den Jahren 1416 und 1425 als „czundehoken” in Einträgen des Großen Ämterbuches des deutschen Ordens.4) In einem Frankfurter Urkundenbuch werden sie 1391 als „Pengeisen” (Empfangeisen) bezeichnet5), und für die Jahre 1388 und 1389 zahlte der Landrentmeester von Geldern 16 gr. für „… 8 haecke tot den donrebussen …” 8 Haken zu den Donnerbüchsen.6) Eine weitere sehr interessante Erwähnung entstammt den Rechnungsbüchern der niederländischen Stadt Deventer: „It. Willamme Palmer der stad tymmerman van Zwolle vor een yseren kystiken daer men vuer inne besluet die bussen hake mede te heyten alse men in den velde mit den bussen meynt te schieten 1 gl. 26 gr.” Demnach erhielt der städtische Zimmermann aus Zwolle, Willamme Palmer 1 Gulden 26 gr. für eine eisenbeschlagene Kiste worin Glut aufbewahrt wird in der die „bussen haken” erwärmt werden, mit denen im Felde die Büchsen abgeschossen werden.7)

Einfacher Hebel-Abzugmechanismus - Detail aus Konrad Kyeser - Bellifortis  ÖNB Wien Cod. 3069 Fol. 38v um 1411Loseisen waren bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts im Gebrauch und wurden mit zunehmender Verfeinerung der Pulver- und Luntenrezepte allmählich durch die Luntenzündung ersetzt, wobei zur Zündung ein Stück glimmende Lunte an die Pulverpfanne gehalten wurde. Auch hier bestand für die Schützen eine Verbrennungsgefahr durch die, aus dem Zündloch austretenden Verbrennungsgase.  Um einen Sicherheitsabstand der Lunte zur Hand des Schützen zu schaffen bedienten sich die Schützen der Luntenstäbe. Beim Luntenstab wurde ein Stück glimmende Lunte in das gabelförmig gespaltene Ende eines Holzstabes geklemmt. Bereits frühe Abbilldungen zeigen einfache, hebelförmige Luntenschlösser, bei denen der Luntenhalter manuell auf die Pulverpfanne abgesenkt und wieder davon abgehoben werden musste, wie eine Abbildung aus Konrad Kyesers Bellifortis von 1411 illustriert.8) Dieser Mechanismus ermögliche es dem die Büchse mit beiden Händen anzulegen und dabei den Schuss auzulösen. Allerdings haben sich diese Lösungen nicht allgemein durgesetzt. Erst später, im Laufe der 2 Hälfte des 15 Jahrhunderts entstanden erste mechanische Abzugsvorrichtungen in Form von Luntenschlössern mit Federmechanismus und Schnappschloss.2) Bei Geschützen wurde die Zündung mittels Lunte noch bis zur Durchsetzung von Hinterladersystemen im 19. Jahrhundert beigehalten.

Loseisen mit Glutpfanne. Jean Mansel - La fleur des histories, Bibliothèque de Genève. Ms. fr. 64, Fol 196r, um 1460In allen Fällen, der Zündung mittels Loseisen oder Lunten, war eine offene Feuerquelle für die sichere Versorgung der Zündmittel notwending. Dafür wurden verschiedene Behälter wie Laternen mit brennender Kerze oder spezielle Glutbehälter verwendet, die die Glut auch im Felde oder bei schlechtem Wetter sicher verwahrten. Aus den Tresslerbüchern der Deutschordensburg Marienburg stammen mehrere Nachweise für Glutbehälter. So deutet der im Zusammenhang mit Ausgaben des Zeugmeisters stehende Rechnungseintrag: „2½ m. vor 4 kolpfhannen und 5 scot vor 1 pulversyp…" (2½ m. für 4 Kohlepfannen und 5 Scot für 1 Pulversieb) aus dem Jahre 14019), auf die Beschaffung von Glutpfannen für Büchsen oder Geschütze hin. Ein weiterer Rechnungseintrag vom 9. August 1409, ebenfalls aus dem Marienburger Tresslerbuch der Jahre 1399-1409 erwähnt Ausgaben des Kämmerers von: „4 scot vor 4 polfermesechen von bleche gemacht und vor 4 roren, do der bochsenschocze fuwer mag inne tragen”. Eine ähnlicher Eintrag ist aus dem Inventar des Zeughauses von Bologna aus dem Jahre 1397 überliefert: „… 14 ferros ad trandum ignem”.10) Bei diesen „roren” handelt es sich entweder um reine Glutbehälter oder eventuell auch um Luntenbergen zur Aufbewahrung glimmender Lunten.

Daneben liefern Büchsenmeister- und Feuerwerkbücher zahlreiche Vorschläge zur Erzeugung und Aufbewahrung von Glut und Feuer. Ein schönes Beispiel dafür liefert der namentlich nicht bekannte Autor des Feuerwerkbuches von 1420, das der Staatsbibliothek zu Berlin als Druck aus dem Jahre 1529 vorliegt/vorlag: „Wie man ein Feuer machen soll, das einer erregt oder [mit sich] führt ohne große Bekümmernis einen halben oder ganzen Tag oder Nacht, und daß er an demselben Feuer eine Schwefelkerze anzünden kann, wenn er kommt an die Stelle, wo er Feuer braucht. So nimm große Moos Binsen, wie sie an den Weihern und in den Moosen stehen, und siede die Binsen in gutem Wein, in dem Salpeter gesotten ist. Und wenn sie so gesotten sind, so nimm sie heraus und trockne die Binsen an der Sonne, und zieh ihnen die grüne äußerste Haut ab, und hebe sie an eine brennende Kohle, daß diese das Feuer entfache. Du trägst [sie] einen Spann lang einen Weg von einer Meile weit Und wenn du willst ein Feuer haben, so bebe eine Schwefelkerze daran, so hast du Feuer."11)

 

Historische Quellen

  • Loseisen und Luntenstab aus dem 14. - 17. Jh. Privatsammlung M. Tromner
    Drei Loseisen und ein Luntenstab aus dem 14. bis 17. Jahrhundert, ehemalige Privatsammlung Michael Trömner, Abensberg
    (Foto: Michael Trömner)

  • Loseisen, Reichsstadtmuseum Rothenburg o. d. Tauber
    Loseisen unbekannter Zeitstellung, möglicherweise 18. oder 19. Jahrhundert, Reichsstadtmuseum Rothenburg o. d. Tauber

  • Konrad Kyeser - Bellifortis ca. 1405
    Zündung einer Steinbüchse mittels heißem Loseisens. Konrad Kyeser: Bellifortis. ca. 1405, SuB Göttingen 2° Cod. Ms. philos. 63 Cim.

 

Literatur

  1. Hassenstein (1941): S. 116-117
  2. Schmidtchen (1977 b): S. 60-62
  3. Eigene Beobachtung an Büchsen und Loseisen der Privatsammlung Michael Trömner und weiteren Museumsbeständen
  4. Rathgen (1928): S. 439
  5. Rathgen (1928): S. 25
  6. Jacobs (1910): S. 115
  7. Doorninck (1888): S. 94 - Vielen Dank an Bertus Brokamp
  8. Hartlieb, Kyeser (1411): Fol. 38v
  9. Engel (1897): S. 232
  10. Schmidtchen, Volker (1977 a): S. 72
  11. Feuerwerkbuch, Abschnitt 84, in Sammelhandschrift (1529), Staatsbibliothek zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. fol. 94 (nach Hassenstein (1941))

Text und Foto: Andreas Franzkowiak